Abstracts

EXOTISMEN IN DER KRITIK

Tokyo, Sophia University, 3.-5. Juni 2022

Inhalt

BECKER, Andreas (Keio University): Autogame Visionen. Leibliche und kulturelle Alterität in Akino Kondohs zeichnerischem und erzählerischem Werk

BERGMANN, Franziska (Universität Aarhus, Dänemark): Die Nachtseiten der Naturkunde. Akustik und Exotik in Alexander von Humboldts Ansichten der Natur

DUPPEL-TAKAYAMA, Mechthild (Sophia University): Kopie und kopiertes Original. Zu den Sehnsüchten des kolonialen Exotisten Nakajima Atsushi

HAVRANEK, Erich (Sophia University): Exotismus und die Konstruktion eines Japan-Images in Philipp Weiss‘ Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen

HIROSAWA, Eriko (Meiji University): Koloniale Erinnerungen oder exotistische Phantasien? Hisakatsu Hijikatas Südseedarstellungen in der Nachkriegszeit

HONOLD, Alexander (Universität Basel): „So habe ich mir Honolulu gedacht“. Zu Hermann Hesses Tessiner Überbietung des Exotismus

JACOBS, Angelika (Universität Hamburg): Maske oder Person? Wahrnehmungen des Unbegreiflichen in Hubert Fichtes Schriften zum Vaudou

KITAOKA, Shiori (Osaka University): „Echte Flüchtlinge“? ―Katastrophen und die exotistische Konstruktion einer ‚Authentizität‘ der Anderen. 14

KLAWITTER, Arne (Waseda University): Epistemologischer Exotismus oder: Ein Ortswechsel im Denken. Der Umweg über Ostasien bei Claude Lévi-Strauss und François Jullien

KRAUS, Manuel (Waseda University): Hakenkreuz, Kurbelkasten und Drilling. Exotischer Faschismus in Reise- und Abenteuerliteratur vor und während des Nationalsozialismus

LEE, Hyunseon (University of London): Exotismen der Madame Butterfly. Eine internationale Affäre über Jahrhunderte

MICHEL, Andreas (Rose-Hulman Institute of Technology): Verpasste Anerkennung. Über den Exotismusbegriff bei Segalen und Baudrillard

PARR, Rolf (Universität Duisburg-Essen): Die schwierige Frage nach Exotismen im Werk von Claude Lévi-Strauss. Von „Traurige Tropen“ über „Rasse und Geschichte“ zu „Die Luchsgeschichte“

PEKAR, Thomas (Gakushuin University): An der Schnittstelle von Exotismus und Antikolonialismus. Ingeborg Bachmanns Gedicht “Liebe: Dunkler Erdteil”

REICHART, André (University of Fukuoka): Das Japan, das es nie gab. Dauthendeys Japanbild zwischen poetischem Kalkül und persönlicher Enttäuschung

SCHWARZ, Thomas (Nihon University): Sexueller Exotismus und Biopolitik. Robert Müllers Pazifik-Novelle „Das Inselmädchen“.

SOIKA, Aya (Bard College, Berlin): Der Exotismus der „Brücke“ im Kontext des Kolonialismus. Max Pechstein und Emil Nolde

SUTER, Fermin (Universität Basel / Donau-Universität Krems): Bewundern und Beherrschen. Zur Ambivalenz exotistischer Triebpflege bei Willy Seidel

TAKAMIYA, Junko (Nihon University): Ein exotistischer Japan-Reisebericht von einer europäischen Weltreisenden: Alma Karlin als die „neue Frau der 20er Jahre“

TAKATA, Azusa (Chiba Universität): Christian Krachts Die Toten als Exotismus des „japanischen“ Films

WASSMER, Johannes (Osaka University): Wider die Exotik? Das eigentümliche Verhältnis von Exotismus, historischem Sinn und Nationalismus in Friedrich Nietzsches „Nachgelassenen Fragmenten“

WETZEL, Michael (Universität Bonn): „Monsieur Chrysanthème“. Exotik und Inversion in Pierre Lotis erotischer Vision des anderen Orients

ZEMSAUER, Christian (Sophia University): Japonismus in deutschsprachiger Gegenwartsliteratur (Arbeitstitel)

ZINFERT, Maria Cornelia (Université de Montréal): Projekt, Programm, Praxis: Victor Segalens Ästhetik des Diversen

Programm: https://exotismus.wordpress.com/programm-2/

ABSTRACTS

BECKER, Andreas (Keio University): Autogame Visionen. Leibliche und kulturelle Alterität in Akino Kondohs zeichnerischem und erzählerischem Werk

Wir möchten das Feld des Exotismus der in New York lebenden japanischen Künstlerin Akino Kondoh auf zwei Ebenen erschließen. Zum einen im Hinblick auf ihre Beschreibungen der amerikanischen Stadt und des Alltagslebens im Sinne eines klassischen räumlichen Exotismus (Segalen). Zum anderen aber wird auch das Thema des leiblichen Exotismus bei Kondoh verhandelt, in Form einer zeichnerischen Parallelwelt, in der der weibliche Körper sich in sich selbst spiegelt, verdoppelt und in eine nymphenhafte Märchenwelt setzt. Dazu möchten wir die beiden Exotismen im Zusammenhang diskutieren und auch kunsthistorisch verorten. Bezüge zur Manga-Kultur, zum Shunga, zur amerikanischen Kunst etwa Keith Harings lassen sich leicht herstellen.

Natsumi Araki schreibt ganz zu recht, »she has the sensitivity and optimism of a child, accepting and confronting contradictions, mysterious appearances and absurd realities. This tendency gives her work a sense of innocency, which prevents the viewers from venturing too far into the dark realm of subconscious mind.« (Natusumi Araki: »Akino Kondoh Wanderer of obscured boundaries«, ohne Paginierung, in: Akino Kondoh 1998-2013, Tokio: Mitsuo Murai 2013) Damit sind klassische Themen der exotischen Literatur berührt: Kindlichkeit, Unschuldigkeit, das ›innere Afrika‹ (Jean Paul), a-logische Welten. Man denke auch an Segalens Ausführungen: »Der Exotismus beim Kind. Für das Kind entsteht der Exotismus zur selben Zeit wie die Außenwelt.« (Victor Segalen: Die Ästhetik des Diversen, übers. von Uli Wittmann, Frankfurt am Main: Fischer 1994, S. 68) Zu berücksichtigen ist dabei auch die globale Rezeption von Kondohs Werk wie auch der Umgang mit Alterität.

Literatur

  • Kondoh, Akino: Hakoniwa Mushi, Tokio: Seirin Kogei Sha, 2004.
    近藤聡乃:はこにわ虫、東京:‎ 青林工藝舎、2004.
  • Kondoh, Akino : Itsumo no Hanashi. Tokio : Seirin Kogei Sha, 2008.
    近藤聡乃:いつものはなし、東京:‎ 青林工藝舎、2008.
  • Kondoh, Akino : Kondoh Akino Sketch Genga Shu Kiya Kiya, Tokio : Nanaroku Sha, 2011.
    近藤聡乃:近藤聡乃スケッチ原画集KiyaKiya:‎ ナナロク社、2011.
  • Kondoh, Akino : Kondoh Akino Sakuhin Shu, Tokio : Nanaroku Sha, 2013.
    近藤聡乃:近藤聡乃作品集 :‎ ナナロク社、2013.
  • Kondoh, Akino: New York de Kangae Chu, Tokio : Aki Shobou. 2015.
    近藤聡乃:ニューヨークで考え中:‎ 亜紀書房、 2015.
  • Kondoh, Akino: New York de Kangae Chu, Band 2, Tokio : Aki Shobou. 2018.
    近藤聡乃:ニューヨークで考え中(2):‎ 亜紀書房、 2018.
  • Kondoh, Akino : A-ko san no Koibito, Band 1, Tokio : Kadokawa. 2018.
    近藤聡乃:A子さんの恋人 1巻: KADOKAWA(角川)、2018.
  • Kondoh, Akino : A-ko san no Koibito, Band 1, Tokio : Kadokawa. 2018.
    近藤聡乃:A子さんの恋人 3巻:‎ KADOKAWA(角川)、 2018.
  • Kondoh, Akino: Shinban Kondoh Akino Essay Shu, Hushigi toiuniha Zimi na Hanashi, Tokio: Nanaroku Sha, 2019/1/19.
    近藤聡乃:新版 近藤聡乃エッセイ集 不思議というには地味な話:‎ ナナロク社; 新版 2019.

Kurzbiographie

Andreas Becker, Assist. Prof. Dr. phil. habil. – Film‑ und Medienwissenschaftler an der Faculty of Letters der Keiō-Universität Tōkyō (seit 2016). 2014–2016: Eigene Stelle als Leiter des DFG-Projekts Yasujirō Ozu und der westliche Film. 2018 Habilitation zu Yasujirō Ozu, 2003 Promotion zur Zeitraffung und Zeitdehnung im Film – beides an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Publikationen/Forschungsschwerpunkte: Yasujirō Ozu, die japanische Kulturwelt und der westliche Film (Transcript 2020), Erzählen in einer anderen Dimension. Zeitdehnung und Zeitraffung im Spielfilm (Büchner 2012); Perspektiven einer anderen Natur. Zur Geschichte und Theorie der filmischen Zeitraffung und Zeitdehnung (Transcript 2004); der japanische und der westliche Film, komparative Ästhetik und Phänomenologie des Films, Zeitdarstellung im Film und in den Medien. Homepage: https://www.zeitrafferfilm.de/

BERGMANN, Franziska (Universität Aarhus, Dänemark): Die Nachtseiten der Naturkunde. Akustik und Exotik in Alexander von Humboldts Ansichten der Natur

Der Vortrag wird sich mit dem Zusammenhang von Akustik und Exotik in Alexander von Humboldts Ansichten der Natur, insbesondere im Kapitel „Das nächtliche Tierleben im Urwald“ befassen. Dabei geht es in einem ersten Schritt darum, nach den medialen Mitteln zu fragen, derer sich Humboldt in seinem Essay bedient, um die Lautkulisse des venezolanischen Urwalds literarisch zur Darstellung zu bringen. Um Humboldts Verfahrensweisen besser konturieren zu können und zugleich nach dem Status von exotischer Akustik in anderen Texten reisender Schriftsteller des ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhunderts zu fragen, wird in diesem Kontext überdies ein Vergleich mit Arbeiten von Autoren vorgenommen, die wesentlichen Einfluss auf Humboldts reiseliterarisches Schaffen gehabt haben: Georg Forsters A Voyage Round the World 1772–1775 (1778/1780), Bernardin de Saint-Pierres Paul et Virginie (1788) und François-René de Chateaubriands Atala ou Les amours de deux sauvages dans le désert (1801/1805).* De Saint-Pierre und Chateaubriand werden von der Forschung als wichtige Vorbilder für Humboldts Beschreibung für die Lautkulisse des venezolanischen Urwaldes angeführt, aber auch bei Georg Forster findet sich eine ausführlichere Auseinandersetzung mit auf seiner Weltreise wahrgenommenen Höreindrücken. Die Frage nach der Rolle von Akustik in Forsters A Voyage Round the World 1772–1775 nimmt der Vortrag überdies zum Anlass für einen kurzen Exkurs, denn Forster widmet sich nur am Rande Naturlauten. Im Zentrum seines Interesses für akustische Phänomene steht die Musik außereuropäischer Völker in der Südsee. Welche medialen Strategien Forster nutzt, um seiner europäischen Leserschaft diese fremde Musik näherzubringen, wird Gegenstand des Exkurses sein.

Humboldts Interesse an akustischen Phänomenen der Tropen geht aber über die Bezugnahme auf die reisenden Schriftsteller seiner Zeit hinaus und lässt sich vielmehr in einen deutlich breiteren literarhistorischen Kontext einordnen. Wie in einem zweiten Schritt des Vortrages gezeigt wird, folgt Humboldt nämlich einem weitläufigen literarischen Trend, der sich mit der Entwicklung der Schauerliteratur abzeichnet und der sich intensiv mit der akustischen Wahrnehmung in nächtlicher Umgebung befasst. Unter Zuhilfenahme einer Lektüre des „Nächtlichen Tierlebens“ und einem Vergleich mit einer exemplarischen Passage aus Ludwig Tiecks Märchen Der blonde Eckbert (1797/1812) lässt sich darlegen, dass Humboldts Beschreibung der tropischen Lautkulisse eine große Nähe zu den intensiven Hörerfahrungen aufweist, wie sie die Schauerliteratur inszeniert. Humboldt bringt – so die Leitthese des Vortrags – mit der exotischen Akustik des venezolanischen Urwaldes ein für das europäische Publikum besonders ungewöhnliches Phänomen zur Darstellung, greift dafür aber literarhistorisch gesehen auf vertraute Muster sowohl aus der Reiseliteratur als auch der Schauerliteratur zurück. Hier findet entsprechend eine ungewöhnliche Vermengung von fremder Alterität und Bekanntem statt, denn die Schauerliteratur ist zwar ein bekanntes Genre, setzt aber Alterität und Fremdes in Szene.

Literatur

  • * Graczyk, Annette: Das literarische Tableau zwischen Kunst und Wissenschaft. München: Wilhelm Fink Verlag 2004 (hier S. 259-260).

Kurzbiographie

Franziska Bergmann lehrt als Associate Professor an der Aarhus University (Dänemark). In ihrem Habilitationsprojekt, das sie 2021 an der Universität Trier abgeschlossen hat, hat sie die Ästhetik des Exotismus in der deutschen und der westeuropäischen Literatur vom 18. bis 20. Jahrhundert untersucht. Publikation: Die Möglichkeit, dass alles auch ganz anders sein könnte: Geschlechterverfremdungen in zeitgenössischen Theatertexten. Würzburg: Königshausen & Neumann 2015.

DUPPEL-TAKAYAMA, Mechthild (Sophia University): Kopie und kopiertes Original. Zu den Sehnsüchten des kolonialen Exotisten Nakajima Atsushi

Der japanische Blick auf die Südsee (nanyō) in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist geprägt von der Ambivalenz einer Nachahmung des westlichen Imperialismus bei gleichzeitigem Unterlegenheitsgefühl gegenüber dem Westen. Als Vertreter eines „farbigen Imperialismus“ (yūshoku teikokushugi) [1] waren die japanischen Mandatsträger des Südseegebiets 1919-1945 Kolonisatoren mit der Erfahrung einer kulturellen (Selbst-)Kolonisierung. Die von den Einheimischen verlangte Assimilierung kann deshalb als Kopie eines fiktiven Originals verstanden werden – eines Vorbilds, das selbst Kopie war.

Unter dieser Prämisse muss auch die Distanz des japanischen exotischen Betrachters zu seinen Objekten in der Südsee neu ausgelotet werden, da das ‚Diverse‘ (Segalen) von einem uneindeutigen, gebrochenen ‚Eigenen‘ aus wahrgenommen wird.

Das wohl wichtigste Beispiel in diesem Zusammenhang ist der Autor Nakajima Atsushi (1909-1942), von Kawamura Minato als Schriftsteller der japanischen Kolonialzeit schlechthin bezeichnet [2]. Nakajima hielt sich als Angestellter des japanischen Südsee-Amts (nanyō-chō) 1941-42 in Mikronesien auf und beschreibt die Südsee in manchen seiner Werke (vor allem in Hikari to kaze to yume, „Licht und Wind und Träume“, verfasst 1941) exotistisch fasziniert von einem dezidiert westlichen Standpunkt aus, in anderen lässt sich dagegen eine zwiespältige Position erkennen. Letztere zeigt sich in den Erzählungen der beiden Sammlungen, die Nakajima nach seiner Rückkehr 1942 verfasste: Nantōtan („Geschichten aus der Südsee“) und Kanshō („Atolle“). Anhand dieser Erzählungen soll untersucht werden, wie weit Nakajimas Darstellung der Assimilation vor Ort und der Begegnung mit sowohl ›Zivilisiertem‹ als auch – positiv wie negativ verstandenem – ‚Barbarischen‘ seine hybride Identität widerspiegelt. 

Literatur

  • [1] Oguma Eiji: ›Nihonjin‹ no kyōkai, Tokyo (Shinyōsha) 1998. (The Boundaries of ›the Japanese‹, Melbourne (Trans Pacific Press) Vol. 1, 2014; Vol. 2, 2017)
  • [2] Vgl. Kawamura Minato: Nanyō karafuto no bungaku, Tokyo (Chikuma shobō) 1994.

Kurzbiographie

Mechthild Duppel-Takayama (Dr. phil.) ist seit 2012 Professorin an der Sophia University in Tokyo, wo sie deutsche Gegenwartsliteratur lehrt. Darüber hinaus unterrichtet sie in der Japanologie auch japanische Literatur und Kultur. Von 1998 bis 2001 war sie DAAD-Lektorin an der Keio-Universität, 2000-2004 DAAD-Lektorin zbV (Außenstelle Tokyo). Forschungsinteressen: Kulturkontakt, Nationalliteratur und Literaturrezeption. Publikation: (Herausgeberin, zusammen mit Thomas Pekar und Wakiko Kobayashi): Wohnen und Unterwegssein. Interdisziplinäre Perspektiven auf west-östliche Raumfigurationen. Bielefeld: transcript 2019.

HAVRANEK, Erich (Sophia University): Exotismus und die Konstruktion eines Japan-Images in Philipp Weiss‘ Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen

In der deutschsprachigen Literatur erreichte die Japanbegeisterung am Anfang des 20. Jahrhunderts einen Höhepunkt. Die Rezeption von Lafcadio Hearn brachte literarische Japanfantasien hervor, die heute als klassische Beispiele des Exotismus gelten. Meist bezogen sich diese Fantasien auf ein romantisches Bild des „alten Japan“ als eine paradiesische Gegenwelt zum modernen Europa. Nachwirkungen dieser exotisierenden Japanbilder findet man bis heute.

Auch in Philipp Weiss‘ Werk Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen spielt Japan eine zentrale Rolle, wodurch unweigerlich das Grundproblem der Darstellung „des Anderen“ berührt wird. Denn aus der Faszination am Anderen kann eine Überbetonung fremder Aspekte folgen. Dieser Überbetonung des Fremden meint man auch in Weiss‘ Werk zu begegnen, doch von einem Exotismus, der ein altes paradiesisches Japan beschreibt, kann in diesem Fall nicht die Rede sein.

Dieser Beitrag beschäftigt sich deshalb mit dem literarischen Japan-Image, in einem komparatistisch imagologischen Sinne. Anhand der Beispiele Lafcadio Hearn und Philipp Weiss soll der Frage nachgegangen werden, inwiefern sich dieses Image bei neueren Autor*innen gewandelt hat, die etwa ein Jahrhundert Japanforschung und einen immensen Fundus an Informationen zur Verfügung haben. Dieser Fundus stellt eine erweiterte Auswahl an Bausteinen zur Verfügung, um ein Image in komplexerer Schattierung zu entwerfen. Dennoch erscheint das Fremde nach wie vor so reizvoll, dass es hervorgehoben, verstärkt und in den Mittelpunkt gerückt wird, womit ein exotisierendes Japanbild weitergetragen wird.

Kurzbiographie

Erich Havranek arbeitet als Lecturer am Center for Global Education and Discovery der Sophia University in Tokyo, zugleich ist er an dieser Universität auch Fellow des European Institute.

HIROSAWA, Eriko (Meiji University): Koloniale Erinnerungen oder exotistische Phantasien? Hisakatsu Hijikatas Südseedarstellungen in der Nachkriegszeit

Victor Segalens fragmentarische Überlegungen über den Exotismus geben uns Anlass zu fragen, inwiefern sich Kolonialismus und Exotismus voneinander unterscheiden lassen. Für Segalen ist ein Exot jemand, der über ein ästhetisches Vermögen verfügt, „das Diverse zu empfinden und dessen Schönheit zu erkennen“, während „der Colon“ bzw. „der Kolonialbeamte“ dies nicht kann (Vgl. Segalen 1983, S. 55 und S. 62). Im geplanten Vortrag möchte ich der Frage nachgehen, wie sich Kolonialismus und Exotismus zueinander verhalten, und zwar am Beispiel von Hisakatsu Hijikata (1900-1977).

Hijikata war ein japanischer Maler-Bildhauer, Dichter und Laienethnograph. Vom Ende der 1920er bis in die 40er-Jahre hinein betrieb er in Mikronesien, über das Japan seit 1919 als Kolonialmacht herrschte, ethnographische Feldforschungen. Nach Kriegsende blieb er jedoch hauptsächlich in Japan und besuchte das Südseegebiet nie wieder.

In seinen ethnographischen Schriften, die in der Kriegszeit erschienen sind, steht der scharfe Gegensatz zwischen dem kultivierten Beobachter (Hijikata) und den zu beobachtenden Eingeborenen im Vordergrund. Die malerischen Werke und die poetischen Schriften hingegen, in denen Hijikata in der Nachkriegszeit in Japan Südseemotive ausgearbeitet hat, vermitteln Ruhe, Gelassenheit und eine träumerische Atmosphäre, in der das Ich und das Andere auf eigentümliche Weise ineinander verschmolzen sind.

Meine vorläufige These wäre, dass sich der Exotismus im Sinne Segalens bei Hijikata erst in der Nachkriegszeit, in der Japan sämtliche Kolonien verloren hatte, entfaltete.

Im Rahmen meiner Analyse sollten folgende Aspekte noch genauer erschlossen werden:

– Welche Auswirkungen hatte die räumliche Trennung von den japanischen Südsee-Kolonien auf die Selbst- und Fremddarstellungen Hijikatas in seinen künstlerischen und dichterischen Werken?

– Welche Spuren oder Erinnerungen aus der deutschen und japanischen Kolonialzeit lassen sich bei Hijikatas Südseedarstellungen nachvollziehen?

Vor dem Hintergrund der Notwendigkeit einer historischen Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit Japans wäre es auch interessant zu untersuchen, inwieweit oder ob überhaupt die Tragweite des Begriffs „Exotismus“ in der bisherigen Hijikata-Rezeption in Japan diskutiert und ausgelotet worden ist.

Literatur

  • 『土方久功著作集』全8巻 三一書房 1990-93年。 [Hijikata Hisakatsu: Gesammelte Schriften. 8 Bde. Tokyo: San-ichi Publishing 1990-1993]
  • Collective Works of Hijikata Hisakatsu. 4 Bde. Sasakawa Peace Foundation 1993, 1995-1997. [Englische Teilübersetzung der achtbändigen Gesammelten Schriften.]
  • Viktor Segalen: Die Ästhetik des Diversen. Aufzeichnungen. Frankfurt/M.; Paris: Qumran 1983. [fr. Originalausgabe 1978]

Kurzbiographie

Eriko Hirosawa studierte Germanistik an der Rikkyo Universität (Tokyo). Nach einem Studienaufenthalt in Hamburg als DAAD-Stipendiatin (1990-1993) ist sie seit 1995 an der Meiji Universität (Tokyo) tätig. Aufsätze über Lou Andreas-Salomé, Gender-Theorie, autobiographisches Schreiben.

HONOLD, Alexander (Universität Basel): „So habe ich mir Honolulu gedacht“. Zu Hermann Hesses Tessiner Überbietung des Exotismus

Ziel des Beitrages ist es, die Bedeutung exotischer Schreib- und Lebensanreize und exotistischer Darstellungsmuster für Hesses Kunstauffassung anhand der in seinem ersten Tessiner Sommer (1919) entstandenen Erzählungen „Klein und Wagner“ sowie „Klingsors letzter Sommer“ nachzuzeichnen. Dabei verfolge ich die Arbeitshypothese, dass sich Hermann Hesse in dieser produktionsästhetischen und biographischen Umbruchphase vermehrt mit außereuropäischen Kulturparadigmen auseinandersetzte und sich in Anlehnung an die expressionistische Prosa und Bildkunst seiner Zeit intensiv mit primitivistischen, animistischen und tropikalistischen Stereotypen beschäftigte, die er als Motive in die Sinnwelt seiner Prosafiguren integrierte und dabei einer kritischen Reflexion unterzog. Indem sich innerhalb der Texte geographische Referenzen auf unterschiedliche Regionen und Räume überlagern (Japan, Pazifik, Afrika), kommt es zu einer Art von globalisierter Kombinatorik von Schlüsselreizen exotischer Alterität, die in ihrer synchronen, hybriden Abmischung von vornherein als artifiziell gekennzeichnet sind. So evoziert die Klingsor-Erzählung z. B. „Afrika und Nagasaki“ in einem Atemzug. Exotismus wird dabei als vitalistische Projektionsfigur kenntlich, die das Spannungspotential zwischen der als defizitär erlebten westlich-europäischen Zivilisation und der mithilfe exotistischer Settings virtuell aufgebauten außereuropäischer Gegenwelten mehr oder minder bewusst ausschöpft und dramaturgisch nutzt. Dabei gelangt der Autor nicht zu einer vollständigen Verwerfung der einschlägigen Wahrnehmungs- und Deutungsmuster, sondern verschiebt den Blick auf die in den exotistischen Sehnsüchten sich artikulierenden kulturellen Energien und zielt auf eine forcierte Überbietung der dabei kulturell involvierten literarischen Verfremdungseffekte.

Kurzbiographie

Alexander Honold lehrt als Professor für Germanistik an der Universität Basel. Er hat über Robert Musil promoviert und über Friedrich Hölderlin habilitiert. Von1997-2000 war er wis­senschaftlicher Mitarbeiter des DFG-Forschungsprojekts zur Kultur- und Literaturgeschichte des Fremden. Aus diesem Projekt ist eine für das Thema Exotismus einschlägige Publikation hervorgegangen: (Hg. Zusammen mit Klaus R. Scherpe): Mit Deutschland um die Welt. Eine Kulturgeschichte des Fremden in der Kolonialzeit. Stuttgart: Metzler 2004. Zuletzt erschienen: Die Tugenden und die Laster. Gottfried Keller, Die Leute von Seldwyla. Basel: Schwabe 2018. Homepage: https://germanistik.philhist.unibas.ch/de/personen/alexander-honold/

JACOBS, Angelika (Universität Hamburg): Maske oder Person? Wahrnehmungen des Unbegreiflichen in Hubert Fichtes Schriften zum Vaudou

Aus der Kritik an der ,imaginären Ethnographie‘ des kolonialen 19. Jahrhunderts (Kramer) mit ihren stereotypen Exotismen erwachsen im 20. Jahrhundert reflektierte Verschwisterungen von Ethnographie und Literatur, welche die prinzipielle Frage nach dem Wirklichkeitsgehalt unserer Wahrnehmung stellen. Die „Ethnopoesie“ will in der Beschäftigung mit schriftlosen Kulturen die Fallstricke objektiv-wissenschaftlicher und subjektiv-literarischer Stereotypisierung gleichermaßen meiden, indem sie die Verbindung von Realem und Imaginärem als Basis des Kulturkontakts anerkennt und ästhetisch bearbeitet. Innerhalb dieser maßgeblich von Michel Leiris und Claude Lévi-Strauss ausgehenden Entwicklung ist Hubert Fichtes Werk gleichermaßen als deutschsprachiges Pendant wie als scharfe Abgrenzung gegen die akademische Ethnopoesie eines Lévi-Strauss zu verorten. Sie wird in Fichtes Poetischer Anthropologie programmatisch, deren ethnographische Basis die Untersuchungen unterschiedlicher Vaudou-Kulturen im afrikanischen und karibischen Raum von den späten 1960er bis zu den 1980er Jahren bilden. Die implizite Abgrenzung gegen Leiris und die explizite gegen Lévi-Strauss sowie die Umsetzung des Gegenprogramms werden anhand von Fichtes Schriften über den Vaudou aufgezeigt. Diese präsentieren sich im Kern als ein Schreiben über die Unlesbarkeit jener radikalen Fremderfahrung, welche Trance-Kulte für Westeuropäer darstellen, deren Identität im rationalen Bewusstsein und einer (literal vermittelten) selbstreflexiven Auffassung von Per­sonalität gründet. Fichtes Studien zum Vaudou formulieren entsprechende Grenz- und Alteritätserfahrungen, die in die Ausstellung des Scheiterns der Feldforschungen und ihrer literari­schen Darstellung münden. In konzeptueller Nähe zu Victor Segalens Affirmation des Exotismus als Wahrnehmung des Unbegreiflichen wird dieses Scheitern zur pathischen Erfahrung gewendet, welche die Unzugänglichkeit ekstatischer Kulturen wahrnimmt, anstatt sie primär als Projektionsfläche und Reflexionsanlass zu nutzen. Fichte rekonfiguriert das Verhältnis von Ethnograph und Fremdkultur ebenso wie die Rollen von Text, Autor und Leser im Sinne des pathischen Habitus der „Empfindlichkeit“. Dabei führt er die radikale Alteritätserfahrung in den Horizont eines synkretistischen Denkens zurück, das im ,Zivilisierten‘ Masken des ,Wilden‘ wie im sogenannt Wilden Masken zivilisatorischer Rationalität hervortreten lässt und beide Seiten in ein hybrides Verhältnis wechselseitiger Spiegelung bringt.

Kurzbiographie

Angelika Jacobs ist seit 2012 Gymnasiallehrerin für Deutsch und Französisch in Hamburg. Zuvor hat sie unter anderem als wissenschaftliche Assistentin an der Universität Hamburg (Interkulturelle Literaturwissenschaft) gearbeitet, wo sie sich auch habilitiert hat. Sie ist seit 2010 Privatdozentin für Neuere deutsche Literatur an der Universität Hamburg und forscht zum ästhetischen Geschichtsbewusstsein, zum Exotismus und Symbolismus, zur Lyriktheorie und zu Ästhetiken der Stimmung. Publikation: Stimmungskunst von Novalis bis Hofmannsthal. Hamburg: Igel 2013 / 22016.

KITAOKA, Shiori (Osaka University): „Echte Flüchtlinge“? ― Katastrophen und die exotistische Konstruktion einer ‚Authentizität‘ der Anderen

Nach dem massiven Zustrom von Flüchtlingen begannen die öffentlichen Theater in Deutschland, die Flüchtlingsthematik aktiv in ihre Theaterproduktionen einzubeziehen. Außerdem betraten in vielen Theatern die tatsächlichen Flüchtlinge die Bühne und begannen, über ihre Erfahrungen zu sprechen.

In mehreren Inszenierungen, darunter die der „Schutzbefohlenen“ des Thalia Theaters, stehen Flüchtlinge neben professionellen Schauspielern auf der Bühne. In diesen Inszenierungen wird die ‚Authentizität‘ der „theatralischen Unvollkommenheiten“ der Flüchtlinge mit den Illusionen der professionellen Schauspieler kontrastiert und die Unnatürlichkeit der letzteren betont.

Die Ablehnung solcher Illusionen ist ein häufiges Merkmal der Debatten über die Holocaust-Literatur gewesen. Trotz der Tatsache, dass der Holocaust im Grunde ein ganz anderes Ereignis ist, wurde die Form der Holocaust-Literatur auf die 9/11-Literatur übertragen, und es scheint, dass im Flüchtlingstheater Ähnliches geschah. In diesem Vortrag soll zunächst der Frage nachgegangen werden, wie die Darstellungstechniken vergangener Katastrophen im Flüchtlingstheater verwendet wurden und welche neuen Elemente hinzugekommen sind.

Das Publikum erwartet, im Flüchtlingstheater vor allem, Flüchtlinge zu sehen, aber oft weiß es eigentlich nicht, ob die Menschen auf der Bühne tatsächliche Flüchtlinge sind oder nicht. Aber am wichtigsten scheint aus dieser Perspektive zu sein, dass die Personen auf der Bühne dunkle Haut haben und mit einem exotischen Akzent sprechen. Wie also soll man eine solche Inszenierung betrachten, wenn ein Darsteller mit exotischem Aussehen, aber ohne Flüchtlingshintergrund als Flüchtling auf der Bühne steht, für ein europäisches Publikum, das der Meinung ist, dass weiße Menschen keine Flüchtlinge spielen sollten? Was ist der wesentliche Unterschied zwischen dieser Art von Inszenierung und den Inszenierungen mit Blackfacing der Vergangenheit? Dies ist die zweite Frage des Vortrags, die im Zusammenhang mit einer Analyse der Hamburger Inszenierung diskutiert wird.

Kurzbiographie

Shiori Kitaoka lehrt seit 2019 als Assistant Professor im Bereich Studies in Language and Society an der Graduate School of Language and Culture der Osaka University. Zuvor war sie Doktorandin an der University of Tokyo. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehört das zeitgenössische Deutsche Theater, die Thematik der Flüchtlingsbilder und Darstellungen von Katastrophen.

KLAWITTER, Arne (Waseda University): Epistemologischer Exotismus oder: Ein Ortswechsel im Denken. Der Umweg über Ostasien bei Claude Lévi-Strauss und François Jullien

Für Claude Lévi-Strauss nimmt Japan eine besondere Stellung ein, wie seine 2011 unter dem Titel Die andere Seite des Mondes erschienenen Studien über dieses Land dokumentieren. Dort wirft er unter anderem die Frage auf, ob sich eine Kultur in ihrem Verhältnis zu allen anderen objektiv situieren und beschreiben lasse, er fragt also, ob und inwieweit sich Kulturen überhaupt miteinander vergleichen lassen und ob eine fremde Kultur, betrachtet man sie (als Ethnologe) von außen, in sich „wirklich“ verstanden werden kann. Könnte nicht vielmehr die Aufgabe eines Ethnologen darin bestehen, die eigene Kultur dadurch, dass man sie aus der Perspektive einer anderen betrachtet, anders verstehen zu lernen? Dieser Frage möchte ich in meinem Vortrag unter Bezug auf Victor Segalens Exotismus als Ästhetik des Diversen, die ich wiederum epistemologisch weiterdenke, und in Bezug auf François Julliens Methode eines „Ortswechsel des Denkens“ nachgehen, dem es weniger darum geht, Kulturen in allen möglichen Erscheinungsformen miteinander zu vergleichen, als hier vielmehr die Distanz zwischen der chinesischen (ostasiatischen) und der westlichen Kultur (betrachtet man sie als Ganzes) bzw. ihrem Denken zu nutzen, um eine „Dekonstruktion von außen“ vorzunehmen, und zwar mit dem Ziel, auf beiden Seiten die verborgenen Ausgangsbedingungen des Denkens aufzuspüren und das Ungedachte des Denkens sichtbar zu machen.

Kurzbiographie

Arne Klawitter lehrt nach Stationen in Beijing (DAAD-Lektorat), Kyushu und Kyoto seit 2013 als Professor für Germanistik an der Waseda University in Tokyo. Er hat sich habilitiert mit einer Arbeit über „Ästhetische Resonanz. Zeichen und Schriftästhetik aus Ostasien in der deutschsprachigen Literatur und Geistesgeschichte, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2015).“ Homepage: https://arneklawitter.wordpress.com/.

KRAUS, Manuel (Waseda University): Hakenkreuz, Kurbelkasten und Drilling. Exotischer Faschismus in Reise- und Abenteuerliteratur vor und während des Nationalsozialismus

„Er greift sofort zu und beginnt sorgsam wie ein malendes Kind, die Augen dicht über dem Papier, Figuren zu zeichnen, große und kleine“ (Schulz-Kampfhenkel 1938: 73). [1] Man mag hier an die berühmten „Schreibstunden“ aus dem Nambikwara-Kapitel der Tristes Tropiques (dt.: Traurige Tropen, 1955) des französischen Anthropologen und Strukturalisten Claude Lévi-Strauss denken, wenn der Haudegen und stramme Nationalsozialist Otto Schulz-Kampfhenkel (1910-1989) im tiefsten Urwalddschungel des östlichen Amazonasbeckens und auf „tiefste[r] Stufe menschlicher Kultur“ (ebd.: 129) den von ihm als Winnetou bezeichneten Aparai Pituma medienwirksam mit einem Bleistift in sein Tagebuch zeichnen lässt. Doch während bei Lévi-Strauss „die Macht über die anderen“ (Lévi-Strauss 1978: 293) [2] durch die Schrift und damit die seit Léry gültige und „für die stigmatische Kennzeichnung der außereuropäischen Kulturen als vermeintlich schriftlose im Gegensatz zu den schriftkundigen Kulturen Europas“ prägnante Differenzierung zwischen „Literalität und Oralität“ (Därmann2005: 649) [3] vorherrscht, sind es bei ethnographischen Randfiguren wie Otto Schulz-Kampfhenkel, Senta Dinglreiter [4] oder Ernst Schäfer [5], die inmitten der Südsee-, Dschungel- oder Urwaldexotik versuchen, das Fremde im Ich herauszukehren und mit einem aus Vorurteilen und Stereotypen geprägten Duktus einer eurozentrischen Exotik huldigen, vielmehr „Menschen mit Vorurteilen, Wünschen, Motivationen und Affekten und eben nicht ganze ‚Kulturen‘, die sich begegnen“ (Castro 2020: 157).[6] Auch wenn wie etwa in Fischer (2003: 129f.) [7] proklamiert, eine wissenschaftliche Analyse solcher insbesondere zur Zeit der Weimarer Republik und später dann während des Nationalsozialismus massenhaft veröffentlichten Reise- und Abenteuerbücher kaum lohnt, führt eine komparative Auseinandersetzung mit zur gleichen Zeit entstandenen ethnographischen und anthropologischen Werken wie eben den Tristes Tropiques von Claude Lévi-Strauss oder L’Afrique Fantôme (1934) von Michel Leiris den bizarren Kontrast vor Augen, mit dem versucht wird, aus der exotischen Fremde eine vertraute Heimat zu zeichnen und damit eine Form der „Kulturübersetzung“ (Castro 2020: 87) zu evozieren, bei der die Leser „mit kulturellen Aspekten fremder Kulturen“ vertraut gemacht werden und „das Unbekannte in Bekanntes“ (ebd.) transferiert wird. Diesen Kontrast zwischen wissenschaftlicher und kultureller Exotik sowie Aspekte einer reversiblen Exotik versucht der Beitrag hier anhand zahlreicher Beispiele der ethnologischen Abenteuer- und Reiseliteratur vor und während des Nationalsozialismus herauszustellen.

Literatur

  • [1] Schulz-Kampfhenkel, Otto (1938): Rätsel der Urwaldhölle. Berlin (Volksverband der Bücherfreunde).
  • [2] Lévi-Strauss, Claude (1978): Traurige Tropen. Frankfurt a.M. (Suhrkamp).
  • [3] Därmann, Iris (2005): Fremde Monde der Vernunft. München (Fink)
  • [4] Dinglreiter, Senta (1935): Wann kommen die Deutschen endlich wieder? Eine Reise durch unsere Kolonien in Afrika. Leipzig (Koehler & Amelang)
  • [5] Schäfer, Ernst (1943): Geheimnis Tibet. Erster Bericht der Deutschen Tibet-Expedition Ernst Schäfer 1938/39. München (Bruckmann).
  • [6] Castro, Johann Fernández (2020): Kulturübersetzung als interaktive Praxis. Die frühe deutsche Ethnologie im Amazonasgebiet (1884-1914). Bielefeld (transcript).
  • [7] Fischer, Hans (2003): Randfiguren der Ethnologie. Berlin (Dietrich Reimer Verlag).

Kurzbiografie

Dr. phil. Manuel KRAUS wurde 2015 nach einem Studium der Germanistik an der Tokyo University of Foreign Studies (B.A.) und an der Saint Paul‘s University Rikkyo (M.A.) mit einer Arbeit über die Textsemantik des Antezedenten und semantische Funktion des Relativsatzes (Peter Lang Verlag, 2017) promoviert. Seit 2011 Lehrtätigkeit als Gastlektor im Bereich der japanischen Germanistik und Deutsch als Fremdsprache (DaF) an verschiedenen Universitäten in Japan, seit 2019 als Associate Professor an der Waseda Universität in Tokyo fest angestellt. Neben der sprachwissenschaftlichen Forschung beschäftigt er sich unter anderem mit dem Werk von Walter Kempowski sowie kulturwissenschaftlichen Themen wie der Expeditionspolitik während des Nationalsozialismus, insbesondere in Tibet und Südamerika, deren medienwirksame Gestaltung sowie dem Einsatz moderner Medientechnik wie Phonographen und Grammophone in der ethnographischen Feldforschung vor und während des Nationalsozialismus.

LEE, Hyunseon (University of London): Exotismen der Madame Butterfly. Eine internationale Affäre über Jahrhunderte

Pierre Loti‘s Reiseroman Madame Chrysanthème (1887) wird Inspirationsquelle für viele Künstler im literarischen, bildnerischen, aber auch im (musik-)theatralischen Bereich. Der Exotismus Lotis appelliert trotz seines trivialen, kitschigen Aspekts an die großstädtische Masse, an jenes moderne Publikum, das maximale Stimulation nicht nur in der Literatur, sondern auch in anderen Medien wie Film oder (Musik)Theater sucht. Und der populäre, kitschige und triviale Exotismus des Butterfly Narrativs von Lotis Japan wird im späten 19. Jahrhundert zum Japan Europas, und die japanische ‚Ehe auf Zeit‘ vom autobiographischen ‚Ich‘ wird als Butterfly Narrativ über das Jahrhundert hinaus fortleben.

Der weitreichende Erfolg der Oper Madama Butterfly (1904) von Giacomo Puccini basiert auf dem melodramatischen Exotismus, dessen stimulierende Funktion mit der Modernitäts- wie auch Alteritätserfahrung à la Japonisme im Fin de Siècle einhergeht. In diesem Beitrag werden zuerst die Aspekte jener Modernitäts- und Alteritätserfahrung von den Autoren sowie Künstlern wie Loti, Puccini, Franz Lehár oder Vincent van Gogh u.a. kritisch reflektierend erläutert, und zwar fokussiert auf die intermedialen wie auch interkulturellen Dimensionen des populär-musikalischen Mediums – Oper(ette) – am Fin de Siècle.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts werden westlich-asiatische Liebesbeziehungen in diversen medialen Spielarten und Kulturen transformiert, und der musikalische Exotismus von Puccini erlebt eine prägnante Transformation vor allem im visuellen Exotismus etlicher Butterfly-Filme – etwa von Fritz Lang über Hollywood bis David Cronenberg u.a.

Die (De-)Konstruktion des Butterfly-Mythos kulminiert in seiner postkolonialen, sogar transkulturellen Überformung jenseits europäischer Opernbühnen wie in den japanischen Butterflys, oft in einer Form der Selbst Exotisierung oder auch des Self Orientalism; im Koreanischen Kino findet der Exotismus der Madame Butterfly im postkolonialen Diskurs der subalternen GI-Bräute statt.

Folglich setzt sich dieser Beitrag zum Ziel, die herausragenden prototypischen Formen des Exotismus der Madame Butterfly offenzulegen, und zwar mit ausgewählten originellen Beispielen der (populären) Kunstwerke aus USA, Europa, Japan und Korea, welche am Fortleben des Butterfly-Narrativs besonders mitgewirkt haben. Eine zentrale Frage bleibt, ob und inwiefern eine transnationale transkulturelle Dimension des Exotismus – z.B. ‘Transnationalism ohne Orientalism wie auch ohne Self-Orientalism‘– in diesem rapid globalisierten Zeitalter möglich ist.

Kurzbiographie

PD Dr. phil. habil. Hyunseon Lee ist Literatur-, Film- und Medienwissenschaftlerin, derzeit Privatdozentin am Germanistischen Seminar der Universität Siegen, und Research Associate am Dept. of East Asian Languages & Cultures, & Centre for Creative Industries, Media and Screen Studies, School of Oriental & Asian Studies (SOAS), University of London. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen auf der Literatur und der Medienästhetik des 20. Jahrhunderts. Aktuelle Publikation: Metamorphosen der Madame Butterfly. Interkulturelle Liebschaften zwischen Literatur, Oper und Film (Heidelberg: Universität Verlag Winter, 2020). Sie ist Mitherausgeberin (zusammen mit Naomi D. Segal) des Bandes Opera, Exoticism and Visual Culture (Oxford/Bern/New York u.a.: Peter Lang, 2015). Homepage: https://hyunseonlee.com

Verfilmung von Puccinis Oper “Madame Butterfly” durch Frédéric Mitterand (1995)

MICHEL, Andreas (Rose-Hulman Institute of Technology): Verpasste Anerkennung. Über den Exotismusbegriff bei Segalen und Baudrillard

Wenn man den Begriff des (literarischen) Exotismus lange genug abklopft, so kommt sein epistemologischer Kern zum Vorschein: die Begegnung mit dem Fremden ist ein Sonderfall der Beziehung zwischen Subjekt und Objekt. Diese theoretische Ausweitung gespürt zu haben, ist das Verdienst von Segalens Versuch über den Exotismus. Segalens beabsichtigt mit dieser Entdeckung, den Begriff des Exotismus zu rehabilitieren und ihn zu einem Gegendiskurs zum literarischen Exotismus à la Loti zu gestalten. Segalen – wie Baudrillard in dessen Fahrwasser – versucht auf diese Weise eine Ehrenrettung des Exotismusbegriffs.

In meinem Vortrag untersuche ich (1) die positiven Errungenschaften dieses Versuchs einer Ehrenrettung sowie (2) die Gründe seines letztendlichen Scheiterns. Dabei konzentriere ich mich auf die theoretischen Hintergründe in Segalens Versuch—wie Jules de Gautiers Kant- und Nietzscheinterpretationen—und stelle Segalens Grunderkenntnis der “ewigen Unverständlichkeit” des Fremden in den Vordergrund. So wichtig dieser Ansatz für eine Neufassung des Exotismusbegriffs ist, er stellt ein zweischneidiges Schwert dar. Denn einerseits garantiert diese Formulierung dem Fremden eine Eigenheit, die der traditionelle Exotismus verneinte. Auf der anderen Seite jedoch macht sie eine beiderseitige Anerkennung, die auf Austausch und der Erkenntnis der Verflechtung von Eigenem und Fremdem beruhen würde, unmöglich. Das Resultat ist, dass Segalen den Fremden erfinden muss.

Zur Untermauerung meiner These untersuche ich Segalens Ästhetizismus (“le sujet fort”), seinen Bovarysmus (“se concevoir autre”), sein Zurückweisen des Hybriden (“métissage”), und den Duktus seines Diskurses, der nie vom Fremden destabilisiert wird, sondern, ganz im Gegenteil, annimmt, (für) es zu sprechen.

Baudrillard übernimmt und radikalisiert Segalens Ansatz der “ewigen Unverständlichkeit” des Fremden, indem er dessen Exotismuskonzept den philosophischen Begriff der Differenz gegenüberstellt, diesem Kniff westlichen Denkens, mit Hilfe dessen das Andere als Differenz des Eigenen vom Eigenen her erklärbar gemacht wird. Denn der analytische und dialektische Verstehensprozess ist universalistischer Natur, sein Prozedere besteht auf der wie immer auch vermittelten Möglichkeit des Vergleichens, Angleichens, des Inbeziehungsetzens. Der wahre Exotismus hingegen lässt, so Baudrillard, dem Anderen sein Sein als radikale Differenz, das heißt: es herrscht ein Nichtbezug. Für Baudrillard ist Exotismus da, wo noch kein Verstehensprozess eingesetzt hat, wo es gar nicht um ein Verstehen des Anderen geht. Denn das Verstehen des Anderen geschieht im Namen der Differenz, die das Exotische annulliert.

Baudrillard fordert daher, dass das Subjekt sich dem Fremden, wie immer es auch erscheint, hingebe. Das Neue, die Leben spendende Veränderung kann nur durch eine totale Hingabe ans Fremde erreicht werden. Hier wird das Fremde, Andere, das Objekt zum autoritären Herrscher über das Subjekt. Auch dieser Ansatz macht die reflexive Anerkennung des Fremden unmöglich, welche nur durch Austausch erreicht werden kann.

In beiden Versionen wird damit trotz—oder vielleicht sogar wegen—der Annahme der “ewigen Unverständlichkeit” des Fremden eine Ehrenrettung des Exotismus als produktiver Gegendiskurs verhindert: Segalens Ästhetizismus fantasiert den Fremden, anstatt ihm zu begegnen, und im Exotismuskonzept Baudrillards wird jede Möglichkeit der gegenseitigen Einflussnahme abgeschafft. In dieser Sicht erscheinen beide als Vertreter eines Exotismusbegriffs, der das Fremde als Mysterium verklärt, anstatt ihm zu begegnen.

So produktiv die Annahme einer “ewigen Unverständlichkeit” ist, so vorsichtig ist mit dieser Idee umzugehen. Denn sie kann nicht als Leitschnur eines Gegendiskurses zum traditionellen Exotismus dienen, welcher nur aus der aktiven Begegnung mit dem Fremden entstehen kann. Das heißt aber, man kann den Verstehensprozess, das Angleichen, Vergleichen und Inbeziehungsetzen nicht umgehen. Mit anderen Worten: eine Ehrenrettung des Exotismusbegriffs ist nur möglich, wenn man die Unumgänglichkeit gegenseitigen Verstehens zusammendenkt mit dem Wissen einer letztlich “ewigen Unverständlichkeit”, die das Fremde vor totaler Vereinnahmung schützt.

Kurzbiographie

Andreas Michel ist Professor of German am Department of Humanities and Social Sciences at Rose-Hulman Institute of Technology (USA). Zusammen mit Darrell Arnold hat er den Band Critical Theory and the Thought of Andrew Feenberg (Palgrave Macmillan, 2017) herausgegeben, und mit Michael Baumgartner und Reto Sorg den Band Historiografie der Moderne: Carl Einstein, Paul Klee, Robert Walser und die wechselseitige Erhellung der Künste (Wilhelm Fink, 2016).

PARR, Rolf (Universität Duisburg-Essen): Die schwierige Frage nach Exotismen im Werk von Claude Lévi-Strauss. Von „Traurige Tropen“ über „Rasse und Geschichte“ zu „Die Luchsgeschichte“

Entlang des beiden gemeinsamen Merkmals der ‚Einfachheit‘ geht der Vortrag dem Verhältnis von ‚Exotismus‘ und ‚Strukturalismus‘ bei Claude Lévi-Strauss nach. In einem ersten Schritt wird mit Blick auf „Traurige Tropen“ (1955) zunächst das komplexe Bedingungsfeld des Sprechens über Exotismus (für den Ethnologen, den Strukturalisten oder den Schriftsteller Lévi-Strauss? für die 1930er, die 1950er oder 2020er Jahre?) in einigen Grundlinien aufgezeigt, um dann in einem zweiten Schritt dem Umgang mit Exotismen in „Traurige Tropen“ (exotistische Zeitreise oder Archäologie des Raums?) genauer nachzugehen. Dies geschieht mit Seitenblicken auf und im Vergleich mit Vorstellungen von Exotismus, wie sie Victor Segalen und andere entwickelt haben. Im dritten Schritt schließlich geht es um die von Lévi-Strauss in „Rasse und Geschichte“ (1952) entwickelte Vorstellung kultureller Korrelations- und Oppositionsbeziehungen, um einen theoretischen Text also, der sein ethnologisches Pendant in „Die Luchsgeschichte. Zwillingsmythologie in der neuen Welt“ (1991) gefunden hat. Beide Texte ermöglichen es, die Exotismusfrage für Lévi-Strauss noch einmal in einen übergreifenden Kontext zu stellen.

Kurzbiographie

Rolf Parr ist Professor an der Universität Duisburg-Essen, wo er in der Germanistik Literatur und Medienwissenschaft lehrt. Promoviert wurde er 1989 mit der Arbeit „‚Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust!‘ Strukturen und Funktionen der Mythisierung Bismarcks (1860–1918)“. 1996 folgte die Habilitation an der Universität Dortmund für das Fach „Neuere deutsche Literatur“ mit einer Studie zum literarisch-kulturellen Vereinswesen („Interdiskursive As-Sociation. Studien zu literarisch-kulturellen Vereinen, Gruppen und Bünden vom Vormärz bis zum Ersten Weltkrieg“). Arbeitsschwerpunkte: Literatur-, Medien- und Kulturtheorie/-geschichte des 18. bis 21. Jahrhunderts; (Inter-)Diskurstheorie und Normalismusforschung; Kollektivsymbolik; Mythisierung historischer Figuren; literarisches Leben/Literaturbetrieb, Literatur/Medien-Beziehungen; Fernsehen; mehrsprachige Literatur und mediale Darstellungen von Arbeit. Rolf Parr ist Mitherausgeber der “kultuRRevolution. Zeitschrift für angewandte Diskurstheorie”, die 1995 ein Themenheft unter dem Titel “Tropische Tropen – Exotismus” herausgebracht hat. Homepage: https://www.uni-due.de/germanistik/parr/

PEKAR, Thomas (Gakushuin University): An der Schnittstelle von Exotismus und Antikolonialismus. Ingeborg Bachmanns Gedicht “Liebe: Dunkler Erdteil”

Ingeborg Bachmanns 1957 entstandenes Gedicht bedient auf der einen Seite alle möglichen exotistisch-rassistischen Klischees über Afrika, was sich vor allem in der Verbindung des im Gedicht auftauchenden ‚schwarzen Königs‘ mit einer gesteigerten Sexualität zeigt: Wenn diese auch hier positiv bewertet wird, so zeigt sie dennoch die für den von Achille Mbeme so genannten ‚kolonialen Rassismus‘ typische Einstellung von der halluzinierenden sexuellen Potenz der Afrikaner. In Anknüpfung an Robert Musils Konzeption der Liebe als ‚anderer Zustand‘, wobei er sich an Lévy-Bruhls Vorstellung von der mentalité primitive orientiert hat, bei der es sich um eine grundsätzlich von der westlichen Logik unterschiedene ‚geistige Welt‘ handeln soll, verbindet Bachmann die in ihrem Gedicht aufgerufene übergroße Liebe mit diesen anderen (und das heißt hier: afrikanischen) ‚Zuständen‘.  Trotz dieser durchgängigen Exotismen ist dem Gedicht auf der anderen Seite eine befreiende, antikolonialistische Kraft eingeschrieben, ist doch sein direkter politischer Entstehungsanlass die Suezkrise 1956 gewesen, die vor allem die fast endgültige Niederlage der alten europäischen Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien zugunsten des afrikanischen und sozialistischen Ägyptens unter Gamal Abdel Nasser bedeutete. Diese Niederlage der Kolonialmächte wird im Gedicht als eine Art kopernikanische Wende gefeiert: „Die Welt sieht dich vom andren Ende an!“. Im Vortrag soll abschließend der grundsätzlichen Frage nachgegangen werden, inwieweit es möglich ist, exotistische Denkformen aus ihren kolonialistischen Zusammenhängen zu lösen und gleichsam antikolonialistisch umzuwenden.

Kurzbiographie

Thomas Pekar wurde mit einer Arbeit über Robert Musil promoviert, die Habilitation folgte an der LMU München mit einer Untersuchung über die europäische Japan-Rezeption. Stipendien und Forschungsprojekte in Deutschland, Japan und den USA. Forschung und Lehre an Universitäten in Oldenburg, Bayreuth, Heidelberg und München, in Daegu/Süd-Korea und als DAAD-Lektor am Germanistischen Seminar der Universität Tokio. Seit 2001 ist er Professor für deutsche Literatur- und Kulturwissenschaften an der Gakushuin Universität in Tokio. Zu seinen Forschungsinteressen gehören die Exil- und Kulturkontaktforschung sowie die deutschsprachige Literatur der Klassischen Moderne.

REICHART, André (University of Fukuoka): Das Japan, das es nie gab. Dauthendeys Japanbild zwischen poetischem Kalkül und persönlicher Enttäuschung.

Dass die Fremde im Exotismus eine Vielzahl von poetologischen und ideologischen Funktionen übernimmt, ist in der Forschungsliteratur ausführlich analysiert worden. Auch in Dauthendeys Japanbeschreibungen spannt sich ein breites Panorama verschiedener Facetten sowohl literarischer Kunstgriffe, als auch biographischer Erfahrungen auf. Japan changiert dabei in seiner Repräsentation zwischen bekannter Fremde und fremdem Bekannten. Mal lassen sich konsequente Entsprechung zwischen biographischen Schriften und literarischen Umsetzungen ziehen, mal widersprechen sie sich völlig. So etwa wenn er einerseits in seiner bekannten Sammlung Die acht Gesichter am Biwasee das Exotische Japans gerade in Abgrenzung zum Europäischen konstruiert, gleichzeitig aber in einem Brief an seine Schwester Elisabeth seine Ankunft in Japan mit den Worten beschreibt: „ …als wäre ich in meiner fränkischen Heimat angekommen.“ (12. Mai, 1906)

Dauthendey arbeitet sich an Asien ab, auf der Suche nach der richtigen Balance zwischen Wahrhaftigkeit und Wahrheit. In der poetischen Wahrheit führt er beide Pole zusammen, aber das Konstrukt bleibt hybrid. Einerseits ist Garant für das Authentische des Exotischen gerade die vermeintliche Existenz in der Wirklichkeit, obwohl es ganz Wunschbild im Literarischen ist; Andererseits generiert sich das Exotische aus den tatsächlichen Erlebnissen des Autors, die dem Ideal und dem Mythos des Exotischen zuwider laufen. Mein Beitrag möchte diesen Verwerfungslinien näher nachgehen und die Spannungspunkte herausarbeiten, die sich bei der literarischen Repräsentation von Wahrheit und Wirklichkeit ergeben.

Kurzbiographie

Dr. André Reichart lehrt und forscht an der Universität Fukuoka in Japan. Seine Forschungsschwerpunkte sind Literatursemiotik, Popkultur und Fiktionstheorie, aktuelle Publikation: Das Schweigen der Gewalt. Ästhetisierte Gewalt in der Prosa Jung-Wiener Autoren um 1900. Bielefeld: transcript 2022.

SCHWARZ, Thomas (Nihon University): Sexueller Exotismus und Biopolitik. Robert Müllers Pazifik-Novelle „Das Inselmädchen“

Im Anschluss an Friedrich Nietzsche zählt Robert Müller zu den Kritikern des Exotismus. Das hat ihn nicht daran gehindert, das Genre des räumlichen Exotismus zu bedienen und den Amazonas zum Schauplatz seines Romans Tropen. Der Mythos der Reise (1915) zu machen. Handlungsort von Müllers Erzählung Das Inselmädchen (1919) ist eine portugiesische Kolonie im Pazifik.

Die deutsche koloniale Propaganda hatte mit Verweis auf den heillosen Zustand der überseeischen Besitzungen Portugals immer wieder deren Übernahme gefordert. In diesem Kontext lese ich die Südsee-Novelle Müllers auch als eine literarische Wunscherfüllung vor dem Hintergrund der Gründung des Völkerbundes. Der Schluss der Novelle bringt Österreich als Mandatsmacht ins Spiel, die einem korrupten portugiesischen Kolonialregime ein Ende bereitet. Die Erzählung erscheint so als Versuch der Befriedigung eines österreichischen kolonialen Begehrens in der Projektionsfläche des Pazifiks.

Müllers Erzählung imaginiert den Pazifik allerdings auch als einen Raum der Hybridität und problematisiert in kritischer Distanz zu Pierre Loti den sexuellen Südsee-Exotismus. Das Interesse einer postkolonialen Literaturwissenschaft sichert sich Müller mit seiner positiven Einstellung zur Hybridisierung. Diese bringt den Schriftsteller in einen Gegensatz zum kolonialen Diskurs, der eine rassenhygienische Biopolitik propagiert.

Kurzbiographie

Thomas Schwarz unterrichtet nach DAAD-Lektoraten in Südkorea und Indien seit 2013 in Japan. 2020 hat er eine Professur in der Germanistik der Tokyoter Nihon University übernommen. Er hat über den österreichischen Exotisten Robert Müller promoviert. 2013 hat er eine Geschichte der deutschen Literatur über Samoa vorgelegt. Derzeit erforscht er in erster Linie die deutsche Pazifik-Literatur. Homepage: https://thomschwarz.wordpress.com/.

SOIKA, Aya (Bard College, Berlin): Der Exotismus der „Brücke“ im Kontext des Kolonialismus. Max Pechstein und Emil Nolde

Die expressionistischen Künstler Emil Nolde und Max Pechstein trafen mit vorgefassten Vorstellungen im Pazifik ein, Nolde im Dezember 1913 in Deutsch-Neuguinea, Pechstein im Juni 1914 auf den Palau-Inseln – beide Orte seit 1899 Teil des deutschen Kolonialreichs, wobei das Ende der Schutzgebiete in der Südsee mit dem baldigen Ausbruch des Ersten Weltkriegs besiegelt war. Sowohl Nolde als auch Pechstein hatten schon früh rhetorische und visuelle Strategien der Abgrenzung entwickelt. Der Entschluss, auf den pazifischen Inseln die „Ursprünge“ von Kunst und Kultur für sich zu entdecken bedeutete auch, dass sie neue Motive künstlerisch mit ihrem Namen besetzen würden, so wie Gauguin untrennbar an Tahiti gekoppelt war. Doch die Suche nach „Ursprünglichkeit“ gestaltete sich als schwierig, Ideal und Wirklichkeit waren mitunter weit voneinander entfernt. Angesichts der Enttäuschungen vor Ort erstaunt umso mehr, dass die künstlerische Ausbeute ihrer Reisen nach Deutsch-Neuguinea und auf die Palau-Inseln die vorgefassten Erwartungen einlöste. Der Beitrag widmet sich der Konstruktion der „Südsee“ und des „Wilden“ in den Bildern von Pechstein und Nolde, indem er den mühseligen Prozess von Auslassungen und Verfremdungen näher beleuchtet und sowohl mit dem kolonial geprägten Alltag vor Ort als auch mit der Selbst- und Fremdwahrnehmung der beiden Künstler in Beziehung setzt.

Kurzbiographie

Prof. Dr. Aya Soika hat nach einem Studium der Kunstgeschichte, Archäologie und Literatur an der Humboldt University, 1994 – 1997 an der University of Cambridge promoviert. Seit 2002 lehrt sie am Bard College Berlin, ihre Arbeitsgebiete sind die Europäische Moderne, inbesondere der deutsche Expressionismus. Ausgewählte Publikationen: Emil Nolde – eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus. Essay- und Bildband. München: Prestel 2019. Der Traum vom Paradies. Max und Lotte Pechsteins Reise in die Südsee. Bielefeld: Kerber 2016. Homepage: https://berlin.bard.edu/people/profiles/aya-soika

SUTER, Fermin (Universität Basel / Donau-Universität Krems): Bewundern und Beherrschen. Zur Ambivalenz exotistischer Triebpflege bei Willy Seidel

Ausgehend von Willy Seidels Reisebericht Die Himmel der Farbigen (1930) (und in Anschluss an seinen Aufsatz Exotismus in deutscher Literatur [1928]) soll ein wiederkehrendes, zentrales Phänomen des literarischen Exotismus der 1920er und 1930er Jahre in den Blick genommen werden: Dass exotistische Programmatiken (ästhetische, politische, soziale) auf eine Kritik ‚des Exotismus‘, primär eines exotistischen Begehrens zurückgreifen. Seidels (und verwandte) Texte vollziehen gleichermaßen Formen der Affizierung wie der Ernüchterung der Vorstellungen vom exotisch Fremden und dem Leben in den Kolonien, d. h. sie stimulieren und regulieren zugleich das exotistisch-koloniale Begehren (R. Young). Vor dem Hintergrund des zeitgenössisch florierenden Genres der exotistischen Indonesien-Literatur sollen am Beispiel Seidels einige Topoi dieser Literatur (einheimische Kunst, Herrschaftsformen, literarische Traditionsbildung) konturiert und deren jeweilige diskursive Gestaltung als Formen exotistischer „Triebpflege“ (S. Besser) untersucht werden. Damit soll – in Grundzügen – eine Theoretisierung des Exotismus als ‚emotional regime‘ bzw. ‚style‘ (W. Reddy) vorgeschlagen werden.

Kurzbiographie

Fermin Suter ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Donau-Universität Krems, Literatur-Archivar sowie Doktorand der Germanistik an der Universität Basel. Studium in Zürich und Bern, ebendort Mitarbeiter im Projekt „Die Affekte der Forscher“. Promotionsprojekt zu Indonesien-Reiseberichten und ‚Emotion als Exotik‘. Publikationen u. Forschungsinteressen in den Bereichen: Reiseliteratur und Emotionstheorie/-geschichte; Postkoloniale Germanistik; Postkoloniale Theorie und Humor; Kulturwissenschaftliche Zeitschriftenforschung; Archivtheorie und literarische Nachlässe; Avantgarde und Subkultur im Österreich der 1970er Jahre.

TAKAMIYA, Junko (Nihon University): Ein exotistischer Japan-Reisebericht von einer europäischen Weltreisenden: Alma Karlin als die „neue Frau der 20er Jahre“

Alma Karlin (1889-1950) war eine bekannte Reiseschriftstellerin aus der ehemaligen österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie. Sie hatte keine feste nationale Identität, sondern eher eine europäische Identität, die eher geografisch als politisch geprägt ist. Ironischerweise scheint es, dass Karlin eine einzigartige Identität als „Frau“ ausgebildet hat, gegen die sie sich stets wehrte.

In meinem Vortrag konzentriere ich mich auf die Texte, die sie im Zusammenhang mit einer Weltreise verfasst hat, die sie 1919 angetreten hat. Sie besaß keine finanziellen Rücklagen, trotzdem brach sie ohne diese Sicherheiten zu dieser langjährigen Reise auf, die bis 1928 dauerte. Karlins Habseligkeiten waren eine Erika-Reiseschreibmaschine, ihr eigenes zehnsprachiges Wörterbuch, 130 US-Dollar und 960 Reichsmark. Sie hielt sich für längere Zeit sowohl in Südamerika als auch in Asien auf. Ihr Interesse galt besonders Japan. Während ihrer Vorbereitungsphase hatte sie bereits ein Visum für die Einreise nach Japan erhalten. Japan versuchte in dieser Zeit, seinen neuen Status als Großmacht zu demonstrieren, indem es seine Rolle als koloniale Macht in Asien hervorhob.

Auf die Reise hat sie sich mithilfe von Reiseberichten hinreichend vorbereitet. Sie wohnte schließlich in Tokio (Juni 1922 bis Juli 1923) und bewegte sich auf den bei Touristen beliebten Routen von Kamakura über Nikko bis hin zum Mt. Fuji wenn sie nicht von ihrer Arbeit und ihrem täglichen Leben in Anspruch genommen wurde. Die einzigen Ausnahmen waren Reisen in die Regionen Kansai und Kyushu und von dort auf die koreanische Halbinsel, die zu dieser Zeit unter japanischer Kolonialherrschaft stand. Alma Karlin hatte eine große Sprachbegabung, aber sie konnte nicht ausreichend Japanisch sprechen. Während ihres Aufenthalts in Japan wollte sie sich nicht auf das Erlernen der japanischen Sprache konzentrieren und konnte nur ein Grundvokabular verwenden. Aber sie hatte zu vielen Japanern auf Englisch Kontakt. Sie wollte der ‚Seele Japans‘ sehr nah kommen, wie es noch nie zuvor ein westlicher Besucher des Landes geschafft hatte. Aber letztlich scheint sie die Sphäre der ‚Reisenden‘ nie verlassen zu haben.

Vor dem Hintergrund, dass die japanische Kultur sich Außenstehenden gegenüber oft verschlossen gibt, war es für Karlin, die kein Japanisch sprach und von außerhalb kam, schwierig, eine ganze Reihe von Aspekten der japanischen Kultur zu begreifen, deren Verständnis ein vertieftes Studium erfordert hätten. Aber sie hat sicherlich die Merkmale erfasst, die notwendig sind, damit Europäer die japanische Alltagskultur verstehen. Karlins Schriften und die Sammlungen, die sie aus Japan mitbrachte, zeigen, dass sie sehr daran interessiert war, neues Wissen aufzunehmen, und dass sie ein ethnografisches Interesse am Leben der Menschen hatte.

Ein weiterer wichtiger Aspekt für die Analyse ihrer exotistischen Texte ist ihre Rolle als „neue Frau” der 20er Jahre, und zwar in Verbindung mit mystischen Ideen aus der Theosophie, die für sie zentral waren. Karlins positiver Eindruck von Japan war nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass sich ihre finanzielle Lage während ihrer Zeit dort stabilisierte. In der Botschaft, an der Universität, sowie als Journalistin konnte sie jeweils eine Stelle finden. Doch litt sie darunter, dass sie nicht in der Lage war, während ihres Aufenthalts auch nur eine einzige rein belletristische Seite zu schreiben. Sie erlebt das Dilemma, für Geld zu arbeiten und nicht künstlerisch tätig sein zu können. Sie sollte Tokio später als einen „unheilvollen Ort“ für Schriftsteller bezeichnen.

Trotzdem schrieb sie später einen Roman über Japan mit dem Tietel „Singende Blüte. Ein Roman aus dem vorgeschichtlichen Japan “, der unveröffentlicht in der Handschriftenabteilung der Berliner Staatbibliothek aufbewahrt wird. Diesen Roman möchte ich abschließend in meine Untersuchung einbeziehen und vor dem Hintergrund von Karlins Berichten über Japan analysieren. Insbesondere möchte ich die japanische Denkweise, die sich in der Kultur widerspiegelnde Spiritualität und die Rolle der Frau analysieren, wie sie von Karlin im Vergleich mit anderen Reiseschriftstellern der Zeit beobachtet wurde.

Kurzbiographie

Junko Takamiya studierte Germanistik an der Nihon University und an der Freien Universität Berlin. Seit 2021 unterrichtet sie als Lehrbeauftragte an der Nihon Universität und an der Komazawa Woman’s Universität. Sie arbeitet an einer Dissertation über Alma Karlins Japan-Exotismus. Publikation: Frauenbild der Neuen Frau in „Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun – Wie ist der Begriff der „Neuen Frau“ der Weimar Republik definiert. In: Lynkeus, 50, 2017, S. 123-135.

TAKATA, Azusa (Chiba Universität): Christian Krachts Die Toten als Exotismus des „japanischen“ Films

Exotismus bildet ein wichtiges Motiv in Christian Krachts Literatur. In seinen Texten, die sich oft mit Asien beschäftigen, ist das zwar schon bekannt, aber aus der folgenden Analyse kann man schlussfolgern, dass der Exotismus in Krachts Texten sich nicht auf seine individuelle Neigung, sondern auf ein literarisches Spiel zurückführen lässt.

Moritz Baßler und Heinz Drügh zufolge beginnt Krachts Exotismus bereits mit seinem Debütroman, Faserland. Ausgedrückt ist dies durch die außergewöhnliche häufige Verwendung von Markennamen, was bis dahin außergewöhnlich in der deutschsprachigen Literatur war. Darüber hinaus signalisiert der Kursivsatz die Mehrsprachigkeit, die Krachts Texte auch heute noch charakterisieren.[1] Dieser „kalkulierte Exotismus“ (M. Baßler und H. Drügh) von Kracht setzt sich in seinen historischen Romanen über Asien wie 1979, Imperium und Die Toten fort. Besonders in Die Toten, welches die japanische Filmindustrie in den 1930er Jahren thematisiert, manifestiert sich der Exotismus als ein spielerisches literarisches Verfahren Krachts. So spiegeln die kitschigen Settings für den japanischen Exotismus wie die Romanstruktur, Jo, Ha und Kyu, die Grundstruktur des japanischen Nô-Theaters, und die erste Szene, die die Aufnahme des japanischen rituellen Selbstmords des Harakiris beschreibt, Krachts literarisches Spiel wider. Außerdem stehen die Filmmotive, die im Roman eine zentrale Rolle spielen, im Zusammenhang mit dem japanischen Exotismus. Die auffälligen Szenen im Roman sind als Pasticcio zu sehen, für eben die Filme, in denen japanischer Exotismus bereits dargestellt wird, z. B. Yukio Mishimas Yukoku, Kobo Abes Die Frau in den Dünen und Wim Wenders Tokyo-ga.

Im Vortrag wird versucht, das Verhältnis von Filmen und Exotismus in Die Toten aufzugreifen. Dabei berufe ich mich auf Krachts Reiseberichte über Asien, und zwar über Japan, Vietnam und Nordkorea.

Literatur

  • [1] Moritz Baßler und Heinz Drügh: Eine Frage des Modus. Zu Christian Krachts gegenwärtiger Ästhetik. In: Text und Kritik. Zeitschrift für Literatur. 9 (2017) S. 8-19., hier S. 12-13.

Kurzbiographie

Azusa Takata, 1986 in Tokyo geboren, Germanistik-Studium an der Rikkyo-Universität (B.A.) und der Universität Tokyo (M.A.). Nach einem Aufenthalt in Tübingen als DAAD-Stipendiatin (2015-2018) ist sie seit 2021 als Assistenz-Professorin in der literarischen Fakultät der Universität Chiba tätig. Ihr Schwerpunkt liegt auf der deutschsprachigen Literatur nach der Wiedervereinigung, und im September 2021 hat sie ihre Dissertation über Christian Kracht „Kracht und Asien“ abgeschlossen.

WASSMER, Johannes (Osaka University): Wider die Exotik? Das eigentümliche Verhältnis von Exotismus, historischem Sinn und Nationalismus in Friedrich Nietzsches „Nachgelassenen Fragmenten“

Friedrich Nietzsche hat sich nie systematisch mit Exotik oder Exotismus auseinandergesetzt. In seinen späten ‚Nachgelassenen Fragmenten‘ der 1880er Jahre jedoch taucht der Begriff vereinzelt auf. Nietzsche, immerhin der Stichwortgeber der exotistisch begeisterten Lebensreform-Bewegung, scheint in ihnen den Exotismus dem Nationalismus und historischem Sinn beizustellen und sich damit von ihm kritisch zu distanzieren. Der Vortrag nimmt sich zum Ziel, über die Bezugnahmen auf Nationalismus und historischem Sinn einerseits Nietzsches nebulösem Verhältnis zum Exotismus nachzuspüren und im Zuge dessen andererseits zu erhellen, ob und inwieweit der Exotismus zugleich das rauschhafte Erleben des Individuums repräsentieren und aus historischer Sinnproduktion resultieren kann.

Kurzbiographie

Johannes Waßmer (Osaka University), Prof. Dr., Studium der Neueren und Älteren deutschen Literatur und der Philosophie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Seit 2020 »Specially Appointed Associate Professor« an der Osaka University/Japan; seit 2017 im Vorstand der Martin Buber-Gesellschaft. Publikationen u.a.: Die neuen Zeiten im Westen und das ästhetische Niemandsland. Phänomenologie der Beschleunigung und Metaphysik der Geschichte in den Westfront-Romanen des Ersten Weltkriegs (Rombach: litterae Bd. 237, 2018). Gestaltung des Heftschwerpunkts der Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft (65/1, 2020): „Werk-Zeuge. Der Werkbegriff zwischen den geisteswissenschaftlichen Disziplinen“.Veröffentlichungen und Herausgaben u.a. zu Literatur und Krieg, zu Literatur und Kultur der Moderne und zu Martin Buber. Derzeit Buchprojekt „Schrift und Präsenz“

WETZEL, Michael (Universität Bonn): „Monsieur Chrysanthème“. Exotik und Inversion in Pierre Lotis erotischer Vision des anderen Orients

Pierre Lotis Roman „Madame Chrysanthème“ (1887) gilt gemeinhin als Archetypus der Liebesgeschichte zwischen einem Vertreter der westlichen Welt und einer jungen Frau Japans und wird oft als Vorbild für die bekanntere Geschichte der „Madame Butterfly“ genannt. Dabei wird aber völlig übersehen, dass von Liebe in jenem Roman nicht die Rede ist. Loti liefert ein ambivalentes, ideologisch durchaus problematisches Bild des ‚neuen‘ Japans der Meiji-Epoche, das erzählerisch an der Episode der ‚morganatischen‘ einmonatigen Ehe mit dem Mädchen Kikou-San (die japanische Übersetzung von Madame Chrysanthème) festgemacht ist. In den Beschreibungen seiner eher verachtenden Gefühle ihr gegenüber ist für Leidenschaft kein Platz – anders als in den Geschichten seiner anderen ‚orientalen‘ Liebschaften zur Haremsdame Aziyade oder zur polynesischen Rararu. Eine sinnliche Spannung findet sich nur in der Beschreibung der nackten Rikscha-Fahrer, deren muskulöse Körper Loti zu einer der wenigen positiven Würdigungen des japanischen Naturells verleiten.

Lotis päderastische Neigung und sein bisexuelles Erscheinungsbild (angezeigt schon in der Etymologie seines polynesischen Pseudonyms Loti) sind in der Rezeption kein Geheimnis und wurden schon von Zeitgenossen wie den Brüdern Goncourt kommentiert, die seinen Protestantismus und die daraus entstehende Perversion der verdrängten Lust dafür verantwortlich machten. Im Vergleich des Romans „Madame Chrysanthème“ mit den zugrundeliegenden Tagebuchnotizen zeigt sich dementsprechend eine signifikante Verschiebung, da in letzteren von einer Liebesnacht mit „Kikou-San“ die Rede ist, aber dabei der Rikscha-Fahrer gemeint ist, der als Cousin der jetzt durchgängig als Okane-San angesprochenen ‚Schein-Braut‘ figuriert. In diesem Sinne ist mit Roland Barthes’ Interpretation (zum Erstlingsroman Aziyadé) davon auszugehen, dass die Begegnung mit dem Orient für Loti grundsätzlich zur Eröffnung eines Schauplatzes der Ausschweifung, der Übertretung des okzidentalen Verbots wird, der unterschiedslos alle Formen sozialer Verfehlung vom Ehebruch bis zur Päderastie, vom Unglauben bis zur Namensverschiebung umfasst: Exotik wird zum Inbegriff einer Umwertung aller Werte – auch und gerade der sexuellen. Das eigentliche Liebesabenteuer mit Kikou-San ist das mit Monsieur Chrysanthème!

Kurzbiographie

Dr. Michael Wetzel promovierte nach dem Studium der Philosophie, Germanistik und Linguistik an der Universität Düsseldorf mit einer Arbeit über „Autonomie und Authentizität. Untersuchungen zur Konstitution und Konfiguration von Subjektivität“ und habilitierte sich an der Universität Essen mit einer Arbeit über „Mignon. Die Kindsbraut als Phantasma der Goethezeit“. Jüngste Publikation: Der Autor-Künstler: Ein europäischer Gründungsmythos vom schöpferischen Individuum (Gründungsmythen Europas in Literatur, Musik und Kunst, Band 15. Göttingen: V&R unipress 2020. Nach seiner Arbeit als assistant universitaire an der Université de Chambéry 1986/7 koordinierte er von 1987-1990 das DFG-Forschungsprojekt „Literatur und Medien“ an der Universität Kassel. Von 1992 bis 1998 hatte er die Funktion eines „Directeur de programme“ am Collège international de Philosophie in Paris, 1987/88 bekleidete er die Documenta-Professur an die Universität Kassel. 2002 erfolgte der Ruf an die Rheinische Friedrich-Wilhelm Universität in Bonn als Professor für Literatur- und Filmwissenchaft. Von 2005 bis 2010 leitete er das Forschungsprojekt „Von der Intermedialität zur Inframedialität“ im Rahmen des SFB „Medien und kulturelle Kommunikation“ der Universitäten Aachen, Bonn und Köln. Von 2012 bis 2018 leitete er die vom DAAD geförderte „Germanistische Institutspartnerschaft“ zwischen Bonn und der Seoul National University und der Rikkyo-Universität Tokyo. Homepage: http://www.inframedialitaet.de/

Zemsauer, Christian (Sophia University): Japonismus in deutschsprachiger Gegenwartsliteratur (Arbeitstitel)

In einigen neueren Werken der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur scheint auf den ersten Blick – und wohl für viele Leserinnen und Leser – ein differenzierter und wohl reflektierter Eindruck von Japan und der japanischen Kultur vermittelt zu werden. Im Vortrag soll jedoch anhand von Beispielen gezeigt werden, dass auch einige der aktuellen literarischen Werke mit japanischen Motiven aus Deutschland, Österreich und der Schweiz exotistische Elemente enthalten. Solche exotistischen Elemente sind zum Beispiel verklärende Beschreibungen von kulturellen Besonderheiten, zweifelhafte Interpretationen von kulturellen Besonderheiten mit zweifelhaften Folgeschlüssen oder auch Elemente aus deutschsprachigen Massenmedien über Japan, in denen der Blick oft auf Skurrilitäten gerichtet wird und die aber als allgemeine Stereotypen übernommen werden. Die behandelten Beispiele werden u. a. folgenden Werken entnommen:

  •              Milena Michiko Flašar: Ich nannte ihn Krawatte (2012)
  •              Adolf Muschg: Heimkehr nach Fukushima (2018)
  •             Marion Poschmann: Die Kieferninseln (2017)
  •             Philipp Weiss: Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen (2019)

Allen Autorinnen und Autoren ist gemeinsam, dass sie sich intensiv mit Japan beschäftigt haben. Poschmann und Weiss haben Reisen nach Japan unternommen und offensichtlich eingehend zu japanischer Kultur recherchiert. Muschg, verheiratet mit einer Japanerin, schreibt seit Jahrzehnten über Japan. Flašar ist als Tochter einer Japanerin in Österreich aufgewachsen und regelmäßig in Japan. Doch obwohl allen eine transkulturelle Expertise zuerkannt werden muss, finden sich in ihren Werken »Mikro-Exotismen«, auf die hingewiesen werden soll.

Kurzbiographie

Christian Zemsauer lehrt als Associate Professor an der Faculty of Humanities der Sophia University, und zwar im Department of German Literature. Promoviert hat er an der Universität Wien. Publikation: Hg., zusammen mit Leopold Schlöndorf und Sanayuki Nakai: Möglichkeiten und Querschläge. Erkenntnis durch Erzählung. Präsens 2016.

ZINFERT, Maria Cornelia (Université de Montréal): Projekt, Programm, Praxis: Victor Segalens Ästhetik des Diversen

Bei Victor Segalens Ästhetik des Diversen handelt es sich um ein beständig fortgeschriebenes (und nie abgeschlossenes)* Programm für Segalens eigene literarische und theoretische Produktion, das dezidiert als Gegenprobe zum oder Umkehrung des literarischen Exotismus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts konzipiert ist: Anstatt zu betrachten und zu beschreiben, was ihm als Reisendem begegnet, war es Segalens Bestreben den Widerhall exotischer Milieus auf seine Anwesenheit wahrzunehmen und aufzuzeichnen. Als Wesentliches galt ihm dabei die Form.

In solcher Sicht erschließt sich eine der ursprünglichen Bedeutungen der Ästhetik des Diversen bei eingehender Betrachtung der Erstausgabe der Stèles. Die unter diesem Titel 1912 in Peking in einer Auflage von exakt 81 Exemplaren veröffentlichten Gedichte waren in einem hybriden (chinesisch- europäischen) Buch-Objekt abgedruckt, das auf Grundlage der Ausgabe von Timothy Billings und Christopher Busch (2007) in seinen rein formalen Aspekten zu beschreiben und zu interpretieren ist. Den Ausgangspunkt dazu bildet die von den Herausgebern in ihrer Einleitung formulierte These, in seinem Gedichtband Stèles zeige sich der Kulturtheoretiker Segalen bei der Arbeit.

Bleibende Bedeutungen von Segalens Ästhetik des Diversen, die Potentiale seiner Umkehrung eines (vom Kolonialismus geprägten) Exotismus für die Gegenwart resultieren aus der für Segalens Exotismus grundlegenden, folgenreichen Umkehrung der Blickrichtung. Diese erfasst auch den Betrachtenden, (künstlerisch, literarisch, theoretisch) Produktiven: Anstatt das Fremde, das Andere vom eigenen – zentralen – Standpunkt aus zu betrachten, reflektiert dieser sich selbst als (peripheres) betrachtetes Objekt. Somit impliziert das Wahrnehmen und Aufzeichnen des Widerhalls der eigenen Anwesenheit ein Aufbrechen des kolonialen, exotistischen, eurozentrischen Blick-Regimes und eine damit in Gang gesetzte Dynamisierung der Positionen Ich/Anderer, Innen/Außen, Zentrum/Peripherie. Auch daher ist Victor Segalen neu zu entdecken.

Literatur

  • * Die erstmals postum 1978 unter dem Titel „Essai sur l‘exotisme. Une esthétique du divers“ (Die Ästhetik des Diversen. Versuch über den Exotismus, 1983) publizierten Notizen von Victor Segalen haben die gesamte zweite Schaffensphase des multidisziplinären Künstlers und Theoretikers begleitet. Im Herbst 1904 während der Rückkehr aus Französisch-Polynesien als stichwortartige Absichtserklärung begonnen, wurden diese Aufzeichnungen erst 1908 wieder aufgenommen und dann von 1909 bis 1918 in China fortgesetzt.

Publikationen von Maria C. Zinfert im Zusammenhang mit Victor Segalen:

  • • Victor Segalen, Ziegel & Schindeln. Literarische Skizzen und Reiseaufzeichnungen China und Japan 1909-1910, aus dem Manuskript herausgegeben und übersetzt, mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen, (Matthes & Seitz Berlin) Berlin 2017.
  • Victor Segalen. Expedition in das Reich der Mitte / Victor Segalen. Regard sur la Chine, Fernsehdokumentation (52 min.) Regie: Tamara Wyss, Gebrüder Beetz Filmproduktion, in Koproduktion mit ZDF/arte und Sichuan TV, unterstützt von der Volkswagenstiftung, in Kooperation mit dem Musée Guimet, Paris, Erstausstrahlung 29. Januar 2011, ZDF/arte in der Reihe Abenteuer Arte / Aventures Humaines ZDF/arte (Recherche, Übersetzungen und Drehbuch)
  • • Victor Segalen, Tote Stimmen: Maori Musik gefolgt von Giorgio Agamben, Ursprung und Vergessen, herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort von Maria Zinfert, (Merve) Berlin 2006.
  • • Victor Segalen, New York – San Francisco – Tahiti, herausgegeben, übersetzt, mit Anmerkungen und einem Nachwort von Maria Zinfert, (Friedenauer Presse) Berlin 2005.
  • Über eine Poetik der Inversion. Die Romane von Victor Segalen, (Iudicium) München 2003 (Dissertation).
  • • „Les Immémoriaux, chambre d’écho des maorie“, in: Rencontres en Polynésie — Victor Segalen et l’Exotisme, (Somogy) Daoulas 2011 (Ausstellungskatalog), S. 97.
  • • „Victor Segalen en Polynésies: La Formation du Poète“, in: Rencontres en Polynésie — Victor Segalen et l’Exotisme, (Somogy) Daoulas 2011 (Ausstellungskatalog), S. 54–61.
  • • „Point de vue de l’artiste. Victor Segalen: »autartiste«“, in: Silke Segler-Messner (Hg.), Voyage à l’envers, (Presses Universitaires de Strasbourg) Straßburg 2009, S. 59–67.
  • • „Die kurze Spanne zwischen Aufbruch und Rückkehr. Victor Segalens Reisebuch Équipée“, in: Bernd Blaschke, Rainer Falk, Dirck Linck, Oliver Lubrich, Friederike Wißmann, Volker Woltersdorff (Hg.), Umwege. Ästhetik und Poetik exzentrischer Reisen, (Aisthesis) Bielefeld 2008, S. 195–209.
  • • Lexikonbeitrag: „Victor Segalen“, in: Musik in Geschichte und Gegenwart, Supplementband, (Bärenreiter / J. B. Metzler) Kassel und Stuttgart 2007.

Dr. Maria Cornelia Zinfert ist DAAD-Gastdozentin an der Université de Montréal im Département de littératures et de langues du monde. Sie hat in München und Berlin Romanistik, Germanistik und Allgemeine und Vergleichende Literwissenschaft studiert und wurde 2002 am Peter Szondi-Institut der Freien Universität Berlin mit einer Arbeit über die Romane von Victor Segalen promoviert. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin sowie als Lehrbeauftragte hat sie am Peter Szondi-Institut für Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft und im Studiengang Visuelle Kommunikation der Universität der Künste Berlin unterrichtet. Neben ihrer wissenschaftlichen Laufbahn arbeitet sie in der Kunst- und Kulturvermittlung sowie als Autorin und Übersetzerin. Seit dem Herbstsemester 2017 ist sie als DAAD-Gastdozentin in Montréal.

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